27.11.2019

Wie gelangt Inkompetenz in eine Führungsposition?

Der schlechte Chef hat viele Ausprägungen. Da wäre der Chef, der immer die Lorbeeren für die Arbeit seines Teams alleine kassiert, oder der Geist, der nie auf E-Mails antwortet, der “Ja aber” Chef, der keine der Ideen seiner Mitarbeiter gut findet, aber auch keine Rückmeldung mit Verbesserungsvorschlägen macht, oder der coole Vorgesetzte, der so sehr gemocht werden will, dass er vergisst zu führen.

An der Spitze findet sich, gemäss Professor Seth Spain von der Binghamton Universität im US-Bundesstaat New York, der «dunkle Chef». Dieser vermarkten sich bei den eigenen Vorgesetzten wo es nur geht und versucht seine Untergebenen klein zu halten. Er hat narzisstische oder gar psychopathische Züge, so der Professor. «Diese Vorgesetzten geniessen den Schmerz und das Leiden von anderen», sagt der Forscher, «deshalb sind sie im Alltag gemein und beleidigend.»

Wie gelangen diese Menschen überhaupt in Führungspositionen?

Unsere Unfähigkeit zwischen Selbstvertrauen und Kompetenz zu unterscheiden
Wir gehen automatisch davon aus, dass Menschen mit hohem Selbstvertrauen mehr Potenzial als Führungskraft haben. Aber die Schnittmenge von Selbstvertrauen («ich bin der Beste») und Kompetenz («wie gut bin ich tatsächlich») ist häufig gering. Ist das selbstsichere und sprachgewandte Auftreten ausländischer Manager der Grund, dass sich diese so häufig in Kaderpositionen von Schweizer Unternehmen finden?

Unsere Bewunderung für charismatische, charmante und unterhaltsame Menschen
Für eine Führungsposition sind diese Eigenschaften nicht massgeblich. Die besten Führer sind bescheiden, demütig und manchmal ziemlich langweilig.

Unsere Unfähigkeit Narzissten zu widerstehen
Menschen mit grandiosen Visionen – manchmal dem Grössenwahn ziemlich nahe. In der Politik können solche Menschen ein ganzes Land ruinieren (dies gilt natürlich auch für Firmen).

Wir nehmen uns nicht genügend Zeit, die richtige Person zu finden
Personalsuche braucht viel Zeit, die wir uns aber nicht immer nehmen. Alternativ werden deshalb oft externe Dienstleister mit der Rekrutierung beauftragt. Als Resultat werden Bewerber ausgesucht, die beim Assessment am besten abgeschnitten haben – und hauptsächlich dem Assessment genügen.

In unserem Land gibt es 22 % erstklassige Mitarbeiter, 69 % zweitklassige und 9 % drittklassige (GALLUP Studie 2018). Stellen Sie einen einzigen zweitklassigen Mitarbeiter ein, haben Sie sich einen Virus eingefangen, der Ihre Arbeitsumgebung in Mitleidenschaft ziehen wird. Stellen Sie einen drittklassigen Mitarbeiter ein, benötigen Sie zudem vier erstklassige Mitarbeiter als Kompensation.

Wie würden Sie vorgehen und welchen Mitarbeitertypen würden Sie auswählen, wenn es um Ihr eigenes Unternehmen ginge? Sie würden sich persönlich einbringen wollen, viel Zeit investieren, nichts dem Zufall überlassen und nur die besten Bewerber wären Ihnen gut genug. Richtig?

Wir sollten vermehrt unserer inneren Stimme mistrauen und uns nicht von selbstbewusst auftretenden Menschen blenden lassen.

An Führungspositionen gehören Menschen, die kompetent und aufrichtig sind – und bescheiden. Frauen schneiden übrigens in diesen Eigenschaften besser ab als Männer!

 

Rolf Grossenbacher